Planungsprozess 2. Akt:

Eine kleine Geschichte 
vom großen Streit.
Und mein Kommentar dazu


Heftigst gestritten wird über die Anzahl der Auto-Stellplätze auf dem Marktplatz.

Die eine Gruppe will einen möglichst autofreien Marktplatz für die Menschen und für mehr Lebenswert (u.a. Ini FelS), die andere Gruppe will möglichst viele Parkplätze   für´s Geschäft und für die automobile Bequemlichkeit (u.a. Gewerbetreibende).

Im ersten Gutachten (GA1, 2008)
ist im favorisierten Vorschlag der Marktplatz autofrei. Am Südrand sind 45 (9 x 5) Stellplätze vorgesehen. Das ist ein Minus von 67 Stellplätzen zur bisherigen Anzahl. Dafür soll aber die Anzahl der Stellplätze auf dem Parkplatz in der Kunaustraße von 48 auf 80 (+ 32) erhöht werden (Parkhaus) und auf dem Parkplatz Dweerblöcken  von 38 auf  70 (+ 32) (Palette).
Das wäre ein Verlust von 3 Stellplätzen im Vergleich vorher/nachher- nicht der Rede wert. Es zeigt sich bei eingehenderer Prüfung aber, dass die Erweiterungen in der Kunaustraße und Dweerblöcken offenbar nicht umsetzbar sind. Das gilt auch für einige der 45 Platz am Südrand. So ergibt sich ein Minus von bis zu 80 Plätzen durch den Umbau, völlig unannehmbar für die Stellplatz-Lobbyisten. Sie fordern den Erhalt der 60 Parkplätze auf der Marktfläche, auf die sich die Auseinandersetzung nun fokussiert:
Die einen, die die Autos vom Platz vertreiben wollen und die anderen, die keinen einzigen Stellplatz auf der Marktfläche opfern wollen. Beide Seiten stehen einander unversöhnlich gegenüber. Der Streit wird erbittert geführt und eskaliert.
U.a. wegen dieser Kontroverse schließt das KFS 2011 die Ini FelS von einer weiteren Mitarbeit in diesem Gremium aus.

Im 2. Gutachten (GA 2, 2012)
werden bezüglich der Stellplätze
3 Modelle vorgestellt:
1.  38 Stellplätze auf der Marktfläche (die Hälfte der zu verplanenden Fläche)
    und 26 Stellplätze an der Straße Saseler Markt (Süd), Bilanz 64 Stellplätze.
2.  38 + 42 Stellplätze auf der Marktfläche ( die gesamte zu verplanende Fläche)
    und 36 Stellplätze an der Straße Saseler Markt (Süd), Bilanz 116 Stellplätze.
3. keine Stellplätze auf der Marktfläche (die gesamte Fläche ist autofrei)
   und 27 Stellplätze an der Straße Saseler Markt (Süd), Bilanz 27 Stellplätze.

Die Gutachter erarbeiten keinen Kompromiss. Die Kontrahenten stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber, eine Pattsituation, die den nächsten Planungsschritt lähmt bzw. unmöglich macht.

Mein Kommentar:
(Anmerkung 1: Ich war damals nicht bei dem Streit dabei. Anm. 2: Streitigkeiten um die Verteilung öffentlicher Flächen sind Bestandteil vieler Baumaßnahmen. Anm. 3: In meiner etwas ungewöhnlichen Argumentationslinie beschränke ich mich auf  wenige Hauptaspekte)

Was ist konstruktiv und problemlösend?
Sicher nicht, wenn wir uns an der Anzahl von Autostellplätzen festbeißen. Wir müssen zunehmend zur Kenntnis nehmen, dass das Auto nicht nur segensreich ist, sondern auch viele Probleme verursacht (Luftverschmutzung, Staus, zugeparkte öffentliche Plätze, Ressourcenverbrauch).
Und, dass es keinen Automatismus zwischen dem notwendigen Parkplatz vor der Ladentür und dem Geschäftserfolg gibt. Das belegen auch die vielen florierenden Fußgängerzonen und Einkaufspassagen. Und: mehr Parkplätze bedeuten mehr Autoverkehr.
Es ist an der Zeit, Lösungen nicht mehr vom Auto aus zu denken und zu suchen und alles autogerecht zu gestalten. Wir sollten, statt zu fragen, wie kann uns das Auto bei einem Anliegen hilfreich sein, fragen,
wie können wir unser Anliegen, z.B. den Transport, auch ohne Auto lösen?
(Anm. 4: Gudrun und ich haben seit 3 Jahren kein eigenes Auto mehr, ein Selbstversuch, und das geht bis auf einige Ausnahmen ganz gut)

Weiten wir also unseren Blick und überlegen, worum es uns eigentlich bei dem Stellplatzstreit geht und was erreicht werden soll? Die Erwartungen an den neu zu gestaltenden Ortskern sind hoch und vielfältig.

Der Platz gehört allen
und soll von allen zur Lebensgestaltung genutzt werden können. Dies ist beim Kampf für einen autofreien Marktplatz der Ausgangspunkt. Die Besetzung des Platzes mit parkenden Autos ist eine Anmaßung, behindert die Entfaltung der Menschen im öffentlichen Lebensraum und muss dringend begrenzt werden.

Bei dem Kampf um mehr Stellplätze geht es eigentlich um gute Geschäfte und bequemen Transport. Was also gehört zu guten Geschäften und wie können wir besonders den autofreien Transport attraktiver gestalten?

Gute Geschäfte erfordern eine Anpassung an neue Konsumgewohnheiten.
Neben den Discountern, Outlets, großen Einkaufszentren, dem Online-Handel und dem TV-shopping kämpfen die verbliebenen kleinen Einzelhandelsgeschäfte an Straßen und in Ortskernen ums Überleben. Zu guten Geschäften gehören viele Kunden bzw. viel Kaufkraft. Wie kann man also viele Menschen anlocken, zielstrebige Kunden und potentielle? Womit kann Sasel punkten, als Alternative zu den Großanbietern? Was können diese nicht bieten, was aber Menschen auch wichtig ist, wie  z.B. persönlicher Kontakt, umweltfreundliches Einkaufen im Grünen oder dörflicher Charakter?
Neben ökonomischen Faktoren, wie Angebotsvielfalt und Preis-Leistungs-Verhältnis, ist es so etwas wie Lebens- und Einkaufsgefühl, das bestimmt, wohin der Konsument geht.  Dazu gehören z.B. eine gute und persönliche Atmosphäre, Vertrauen und Vertrautheit, Sicherheit und Zufriedenheit, genießen können, freundliche und hilfsbereite Mitarbeiter, serviceorientiert und problemlösend, gute Laune, sich kennen und sich interessieren, miteinander ins Gespräch kommen, Gefühl der Zugehörigkeit und Identifikation, Spaß haben, sehen und gesehen werden, ausruhen, verweilen, etwas erleben ... Aber auch Sasel als ein besonderes Dorf mit Geschichte und Kontinuität als Kontrapunkt zu einem anonymen beliebigen Massenbetrieb. Diese Qualitäten beschreiben die Chance für Sasel, Menschen anzuziehen, zu kommen, zu bleiben und mit einem guten Lebensgefühl ... auch zu konsumieren.

Beim bequemen Transport geht es um die Frage:
wie komme ich zum Markt und zurück und wie schaffe ich meine Einkäufe nach Hause, bequem, schnell, sicher?
Ausgangszahlen: gut 30 % der Haushalte in Wandsbek haben kein Auto, 2008 waren es 24 % der Marktplatzbesucher, die stets mit dem Auto kommen.
Um mehr Besucher für die Nutzung klimafreundlicher und gesunder Verkehrsmittel zu gewinnen, brauchen wir besonders im Ortszentrum einladende Fuß- und Radwege, breit und sicher, mit direkter Wegführung und bevorzugten Ampelschaltungen, so dass sich die Wegzeiten verkürzen; wir brauchen Schließfächer für die Einkäufe, Lieferservice/ Kuriere, engere Taktung der Buslinie 24, Busshuttle oder Sammeltaxi von Sasel-Süd und -Nord, Verleih von Lastenrädern, Radanhängern (das urige Fahrrad-Dorf) oder  Einkaufswagen/ Bollerwagen ... Als Slogan könnte etwa
Tran-Sport genommen werden, gefolgt von kurzen Ergänzungen, wie z.B.  ich bewege mich/ Bewegung ist gesund / für Umwelt- und Klimaschutz/ macht Spaß ...

Ein  grünes, lebendiges und blühendes Saseler "Dorf" kommt allen zu Gute.
Dafür sollte der Saseler Markt mit seinem ganz spezifischen Image punkten, das ein großes Einkaufzentrum nie bieten kann, mit einem Lebens-, Erlebnis und Einkaufsgefühl der besonderen ART, mit einer Einladung zum Leben im Ortskern und auf dem Platz. Dann gewinnt der Saseler Markt mehr Besucher und Kaufkraft dazu als er durch weniger Parkplätze verliert.