Fahrradstadt wozu?

Fast alle großen Städte, besonders die, die wachsen, leiden unter Luftverschmutzung, Verkehrslärm und -staus sowie unter Parkplatznot. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung haben die Wirtschaft sowie die Stadt- und Verkehrsplaner auf das Auto gesetzt, um die individuelle Mobilität zu erhöhen. Es wurden riesige Summen in autogerechte Verkehrswege und Städte investiert. Trotzdem erstickt der automobile Verkehr inzwischen an sich selbst: der Flächenverbrauch im öffentlichen Raum ist mehr als ausgereizt, der Schadstoffausstoß ein riesiges Problem. 

Ein Umdenken ist von Nöten. Viele Städte haben seit langem damit begonnen. 

 Auch unsere Stadt, Hamburg, soll klimafreundlicher, gesünder und nachhaltiger werden. Eine Herausforderung für neue Mobilitätskonzepte 


Eigentlich geht es gar nicht um´s Fahrrad. Es geht um Verkehrsprobleme, die z.B. in Hamburg laut einer Forsa Umfrage Anfang 2019 das "größte Problem" der Stadt darstellen. Es geht um die Schaffung einer kreativen, einer sicheren, einer grünen Stadt für Menschen. Eine Stadt, in der man atmen kann. Und dafür ist das Fahrrad das beste Fortbewegungsmittel (Morten Kabell). Also, es geht um Mobilität, genauer um grüne Mobilität für

eine menschliche, lebenswerte Stadt, in der man atmen kann.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Auto hierzulande idealisiert, als Chance für grenzenlose individuelle Mobilität, als Symbol für Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Auch ich gehörte zu den Autobegeisterten. Das Auto galt außerdem als Motor und Garant des Wirtschaftswunders. Immer mehr Menschen erfüllten sich den Traum vom eigenen Auto. Die autogerechte Stadt war das Leitbild der Planung, dem flüssigen Autoverkehr galt die unbedingte Priorität. Dieses Primat leitet noch heute das Denken vieler Autofahrer. Doch trotz riesiger Investitionen in den Straßenbau stieg die Masse der Autos schneller als die Kapazität der Straßen und Stellplätze. Stadtplaner, wie Jan Gehl, erkannten: "mehr Straßen führen zu mehr Verkehr" - ein unersättlicher Prozess.

Neben den Staus und der Parkplatznot entstanden mit der Ausweitung des Autoverkehrs weitere Probleme: Die Luftverschmutzung, die der Gesundheit schadet und Erderwärmung und Klimakatastrophe befördern. Und auch Lärmbelästigung und Stress haben gesundheitsschädliche Auswirkungen. Inzwischen stellt der wachsende Autoverkehr Politik und Verwaltung vor unlösbare Probleme, unlösbar jedenfalls mit weiterer Priorität für das Auto.

Der Deutsche Städtetag hat 2018 dazu ein Positionspapier erstellt "Nachhaltige städtische Mobilität für alle. Agenda für eine Verkehrswende aus kommunaler Sicht". 

Bei der "Mobilitäts- und Verkehrswende" in den Deutschen Städten, die seit geraumer Zeit ein hohes Gewicht bekommen hat, geht es auch um bezahlbare nachhaltige Mobilität, um einen Beitrag zu den "Klimapolitischen Zielen bis 2030 und 2050", um die Reduzierung von Schadstoffemissionen und Lärmbelastungen, effizientere Nutzung von Fahrzeugen und um "Vision Zero" bei Verkehrsunfällen. In der Anlage zur Pressemitteilung werden die verkehrspolitischen Ziele für 2030 und einige wesentliche Punkte der Agenda zusammengefasst. Darin geht es u.a. um Lebensqualität und Umweltstandards, um Reduzierung von Schadstoffen und Lärm, Verbesserung des ÖPNV zusammen mit dem Fuß- und Radverkehr, um Sharing-Systeme, gerechtere Verteilung der Verkehrsflächen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern, um das Leitbild "Stadt der Kurzen Wege", um Verkehrsvermeidung durch regionale Wirtschaftskreisläufe, den Einsatz von Lastenrädern ...
Einen Satz möchte ich vollständig zitieren, da er besonders zu meinen Anliegen passt: "Verkehrs- und Mobilitätsmanagement sollte nicht in erster Linie den inividuellen Autoverkehr flüssiger gestalten. Der Schwerpunkt sollte vielmehr darauf liegen, die Bedingungen für den „Umweltverbund“ aus ÖPNV, Rad- und Fußverkehr zu verbessern, Emissionen zu reduzieren und Verkehrssicherheit zu fördern."
 
Dieses Positionspapier belegt und fördert ein Umdenken bei Stadt- und Verkehrsplanern, Politikern und auch bei Verwaltungen. Ausgangspunkt für die Planungen und Konzepte sollte mehr und mehr der Mensch sein und seine Bedürfnisse nach Platz, nach Ruhe, nach frischer Luft, nach Begegnung und Sicherheit. Und alles möglichst integriert ins Alltagsleben, ins Wohnquartier, ins Nahversorgungszentrum und in die Wege zur Arbeit, zum Einkauf, in die Schule und Kita. Neben besseren Fußwegen ( inklusive verkehrsberuhigter Bereiche, Fußgängerzonen) und besserem Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPVN) soll vor allem das Radfahren eine grüne und nachhaltige Mobilität ermöglichen. Ja, das Radfahren erhöht die Mobilität. Wenn wir, wo es geht, auf´s Auto verzichten und zu Fuß gehen oder mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmittel fahren, werden die Straßen freier für diejenigen, die darauf angewiesen sind - eine Erkenntnis selbst beim Autolobbyisten ADAC. 

Welche Vorteile bietet das Rad im Stadtverkehr? (siehe auch meine Velosophie):
-  Das Rad ist innerstädtisch das schnellste Verkehrsmittel.
-  Das Rad ist platzsparend. Auf einem Autostellplatz können 10 Fahrräder stehen       
    und eine Fahrradspur kann fünf- bis siebenmal so viele Personen transportieren     
    wie eine Autospur.
-  Radfahren ist sauber und  leise und somit ein Beitrag zum Klima- und  
    Lärmschutz.
-  Radfahren ist gesund: wir bewegen uns zu wenig. Körperliche Bewegung ist    
    gesund, sich bewegen satt sitzen.
-  Das Rad ist weniger gefährdend als das Auto.
-  Radfahren mach Spaß. 

Das Fahrrad ist nicht nur als Mobilitätsalternative zu sehen, sondern das beste Mittel, um eine Stadt sicherer, grüner und lebenswerter zu gestalten (Morten Kabell in Radcity, adfc Hamburg 6.2018)