2. Was zeichnet eine Fahrradstadt aus?

In einer Fahrradstadt nutzen viele Menschen das Rad in ihrem Alltag, z.B. für Entfernungen zwischen einem halben und  5- 10 Kilometern, weil es attraktiv ist, schnell und gesund. Voraussetzung dafür sind Radwege, die dazu einladen (siehe Foto. Brisbane, Queensland, Australien), das Rad zu nehmen, die zügiges, bequemes und sicheres Fahren erlauben.  Um ein Radfahrer-freundliches Radwegenetz zu bauen, bedarf es eines entsprechenden verkehrspolitschen Willens. Es braucht Geld und Entscheidungen, auch bei der Verteilung des knappen öffentlichen Verkehrsraumes zugunsten des Radverkehrs.


Politik für eine Einladung zum Radfahren.

Die Voraussetzungen zur Förderung des Radverkehrs, zur Entwicklung einer fahrradgerechten Stadt sind der politische Wille und entsprechende politische Entscheidungen. Dass das erfolgreich möglich ist, zeigen Städte wie z.B. Münster, Leiden, Groningen, Utrecht, Amsterdam oder auch Bremen. Hier wird dem Radverkehr teilweise eine Priorität vor dem Autoverkehr eingeräumt.

Aber nehmen wir zum Beispiel Kopenhagen, die Fahrradstadt:
Der Unmut über die automobile Verkehrsentwicklung, die als bedrohlich empfunden wurde, begann schon vor 40 Jahren. Es waren Aktionen von unten, von den Bürgern. Die Menschen demonstrierten für sicherere Straßen und mehr Radverkehr.  Etwa ab 2005 wurden neue Konzepte für eine bessere Stadt von Bürgern, Politik, Verwaltung und Planern entwickelt und umgesetzt.
2011 verabschiedete der Stadtrat von Kopenhagen die neue Fahrradstrategie
"Gut, besser, am besten. Die Fahrradstrategie der Stadt Kopenhagen 2011–2025", die als Zielsetzung hat, Kopenhagen zur weltbesten Fahrradstadt zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Stadt sich entschlossen, sich auf vier Kernthemen zu konzentrieren:
      Stadtleben - Komfort -  Geschwindigkeit - Sicherheit.
Ein weiteres Hauptziel der Strategie ist, den Radverkehrsanteil an den Pendlerwegen auf über 50 % zu steigern. Die Stadt benutzt die zweijährlichen Bicycle Accounts, um Schlüsselprobleme festzustellen, die angegangen werden müssen. Der Radverkehrsanteil soll gesteigert und Planungen für unterschiedliche Maßnahmen abgeleitet werden, um die Ziele zu erreichen. Dies beinhaltet, Radwege auf drei Fahrstreifen zu erweitern, um Nebeneinanderfahren mit zusätzlichem Überholen zu ermöglichen und das Sicherheitsgefühl auf den Radwegen zu erhöhen, während gleichzeitig die Geschwindigkeit für Pendler erhöht werden kann. Die Stadt plant außerdem, die Fahrzeiten zu verringern, indem vermehrt Grüne Wellen auf die Geschwindigkeiten der Radfahrer ausgelegt werden, und den Bau von zusätzlichen Brücken nur für Fußgänger und Radfahrer über stark befahrene Straßen, den Hafen und Kanäle. Die Stadt plant weiterhin, die Sicherheit zu erhöhen durch Umbau einer Reihe von Knotenpunkten mit vielen Unfällen, Umgestalten von Schulwegen mit sicherer Infrastruktur und Maßnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung im Autoverkehr. Schließlich zielt die Strategie auch darauf, die chaotischen Bedingungen zum Fahrradparken durch ein größeres Fahrradpark-Angebot zu verbessern, besonders in und um Bahnhaltestellen.
Zielsetzungen:
50 % aller Wege zu Arbeit und Ausbildung in Kopenhagen sollen per Rad erfolgen (2010: 35 %). Im Vergleich zu 2010 soll die Fahrzeit für Radfahrer um 15 % vermindert werden. Im Vergleich zu 2005  soll die Zahl schwer verunglückter Radfahrer um 70 % vermindert werden. 80 % der Radfahrer sollen die Radwege als gut unterhalten bewerten        (2010: 50 %), 90 % der Radfahrer sollen sich sicher im Verkehr fühlen (2010: 67 %),       80 % der Kopenhagener sollten meinen, dass die Fahrradkultur die Stadt-Atmosphäre positiv beeinflusst (2010: 67 %). Schon heute erledigen 60 % der Kopenhagener ihre täglichen Wege mit dem Rad.

Der Radverkehr genießt in Kopenhagen eine klare Priorität. Öffentliche Verkehrsflächen werden zugunsten des Radverkehrs verteilt. Konkret heißt das auch Radwege und Radstellplätze statt Fahrbahnen und Autostellplätze.
Pro Einwohner gibt die Stadt im Jahr etwa 25 € für die Entwicklung des Radverkehrs aus. Hamburg lag lange bei 2 - 3 €, 2017 sollen es über 10 € pro Einwohner gewesen sein.

Oder nehmen wir Bremen. Dort macht inzwischen im Stadtteil Alte Neustadt das Projekt "Fahrrad-Modellquartier" große Fortschritte. Rund um die Hochschule gibt es ein durchgängiges Netz von Fahrradstraßen, Deutschlands erste "Fahrradzone". Die Umsetzung wird auch durch Bundesmittel unterstützt, aus dem Wettbewerb "Klimaschutz durch Radverkehr", ausgezeichnet mit dem Deutschen Fahrradpreis 2018. Zum Projekt gehören u.a. 600 neue Fahrrad-Stellplätze, bessere Querungsmöglichkeiten für den Rad- und Fußverkehr, ein Fahrrad-Repair-Café, Leihräderfahrbahn und -lastenräder sowie Ladestationen für Elektroräder.

Wichtige Bedingungen für den Umstieg auf´s Rad:
(Wenn die Politik denn Ernst machen wollte mit der Fahrradstadt)
1. Die Fahrzeit muss möglichst kurz sein.
   Radwege müssen so breit sein, dass gut überholt werden kann, Wegführungen     
   und Ampelschaltungen Radfahrer begünstigen, Brücken für Rad- und   
   Fußverkehr über große Straßen und Gewässer gebaut werden.
2. Radfahren muss sicher sein auch für Kinder und Alte.
   Die Radwege sollen klar getrennt sein von Autofahrbahnen und Fußwegen, die   
   Radfahrstreifen geschützt werden; Einfärbung von Radwegen oder 
   Kennzeichnung mit Piktogrammen. Dort, wo es eng oder gefährlich ist,
   Geschwindigkeitsbegrenzung (Tempo 30) für KFZ, Verzicht auf Schwerlastverkehr.
   verpflichtende Abbiegeassistenten für LKW.
3. Ausreichend und sichere, überdachte Stellplätze müssen vorhanden sein, 
   besonders an Ballungspunkten (Bahnhöfen, Marktplätzen, Veranstaltungsgebäuden
    usw.).
4. Radwege und Stellplätze müssen auch für Lastenräder und Fahrräder mit
   Anhängern
bequem nutzbar sein.

Natürlich gibt es weitere wichtige Bedingungen für den Umstieg aufs Rad, wie z.B. kostenlose Fahrradmitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln, Leihrad-Angebote auch auf Lastenräder ausweiten ...

Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht hat der Ausbau des Radverkehrs einiges zu bieten, z.B. Einsparungen im Gesundheitssektor, bei der Polizei, im Straßenbau und bei der Straßenwartung, Abwendung von Klimaschäden, viele neue Arbeitsplätze für Herstellung, Verkauf und Reparatur von Fahrrädern, Stärkung des Tourismus durch mehr Fahrradurlauber ...

Wenn die Politiker zur Förderung nachhaltiger Mobilität mehr Menschen zum Radfahren bewegen wollen, dann müssen sie auch Entscheidungen zugunsten des Radverkehrs treffen. Konkret heißt das, dass der Anteil der Verkehrsausgaben und der Anteil an den Verkehrsflächen in der Stadt für den Radverkehr erhöht werden müssen. Dies ist kein quietschfreier Prozess.