3. Ist Hamburg eine Fahrradstadt?

Seit langem wird Hamburg vom Senat als Fahrradstadt propagiert. Aber erst in jüngster Zeit ist wirklich etwas getan worden, einigen sogar zu viel. Es sind neue Fahrradstraßen entstanden, viele Radfahrstreifen, Schutzstreifen und auch Stellplätze eingerichtet worden. Allerdings kommt der Ausbau des Veloroutennetzes, das bereits in den 90er Jahren geplant wurde, schleppender voran als versprochen. Es wird 2020 nicht fertig sein.

Hamburg soll Fahrradstadt werden und ist auch auf dem Weg dorthin. Aber wie weit ist es noch bis zum Ziel?

Wie stark ist der politische Wille?

Der Hamburger Senat möchte Hamburg zur Fahrradstadt entwickeln. Er verfolgt dabei vorrangig u.a. folgende Ziele:
- eine gut ausgebaute und ganzjährig sicher befahrbare Radverkehrsinfrastruktur
- vielfältige Service- und Informationsangebote rund ums Radfahren
- die Innenstadt, Stadtteil­zentren und sonstige wichtige Ziele sind mit dem Fahrrad   
   sicher, zügig und komfortabel zu erreichen
- überall komfortables und sicheres Fahrradparken zu gewährleisten –
   idealerweise auch für Pedelecs und Lastenfahrräder
- Radverkehr optimal mit anderen Verkehrsarten zu verknüpfen, insbesondere mit   
   dem öffentlichen Personennahverkehr (www.hamburg.de).

Die Ziele gehen in Richtung Fahrradstadt, sind aber eher vage und unverbindlich. Auch das Ziel 25 % Anteil Radverkehr bis 2020 (2008 12 %, 2018 15 %) wurde verschoben, offen in die 20er Jahre.  Auf jeden Fall fehlt eine fundierte regelmäßige Erhebung, wie die Menschen die Stadt nutzen, und besonders wie sie ihr Fahrrad nutzen. Eine Erhebung an einem Tag im Jahr, wenn auch an 35 Stellen, ist kläglich.

Nach der Planung der Velorouten Ende der 1990 er Jahre, die nicht recht voran kam, wurde 2008 die Radverkehrsstrategie für Hamburg beschlossen, als Grundlage für die Weiterentwicklung des Radverkehrssystems der Stadt. Alle 2 Jahre gibt es einen Fortschrittsbericht. Der neueste Bericht von 2018 liegt mir vor. Um die Planungen für den Radverkehr, die verschiedene Behörden betreffen, besser zu koordinieren, setzte die Stadt 2015 Kirsten Pfaue als Radverkehrskoordinatorin ein. Und 2016 wurde ein Bündnis für den Radverkehr beschlossen, um die Aktivitäten von Stadt und Bezirk besser abzustimmen. 2018 ließ die Hamburg Marketing GmbH eine umfangreiche repräsentative Umfrage durchführen, um geeignete Daten für eine Kampagne zu gewinnen.

Diese Kampagne soll die Bereitschaft zur Radnutzung im Alltag erhöhen, das Gemeinschaftsgefühl der Verkehrsteilnehmer verbessern und das Thema Verkehrssicherheit einbinden. Vielen Befragten macht das Radfahren Spaß (81 %), sie finden es gut, wenn mehr Rad gefahren wird (80%) und meinen, dass es Hamburgs Lebensqualität steigert, wenn mehr Hamburger das Rad als Verkehrsmittel nutzen     (73 %). Allerdings äußerten auch 53 % die Angst, von anderen Verkehrsteilnehmern gefährdet zu werden. 

Im Frühjahr 2019, anlässlich der bevorstehenden Wahlen, startet Hamburg eine Reihe von Kampagnen:

HAMBURG GIBT ACHT! VERKEHRSSICHERHEIT GEHT ALLE AN. www.hamburg.de/hamburg-gibt-8, gemeinsam für ein besseres Miteinander im Straßenverkehr. Der Landesbetrieb Verkehr (LBV) und die Verkehrsbehörde (BWVI) hat mit der Aktion das raue Klima auf der Straße thematisiert und will Lösungen für den Dauerkonflikt finden. Die Bürger waren aufgerufen Vorschläge zu machen, wie aus dem Gegeneinander im Verkehr ein Miteinander werden kann. Daraus sind acht "goldene Regeln" für mehr Harmonie und Sicherheit im Verkehr formuliert worden. (siehe Velosophie/ Sicherheit und mehr/ Aktionen)

7 Radschnellwege nach  Hamburg   (https://metropolregion.hamburg.de/radschnellwege ) Nach der Machbarkeitsstudie sind 7 Radschnellwege nach Hamburg geplant: von Elmshorn, Bad Bramstedt, Ahrensburg, Geesthacht, Lüneburg, Stade und Tostedt nach Hamburg. Im Frühjahr 2019 waren die Bürger aufgerufen Vorschläge für die jeweiligen Streckenführungen zu machen. 2020 sollen die Trassen konkretisiert werden.

Der Feldversuch "autofreie City" entwickelt sich aus einem workshop, in dem es darum geht die Altstadt lebenswerter zu machen, die Aufenthaltsqualität zu erhöhen.  Die Initiative "Altstadt für alle" beantragt nach umfangreichen Befragungen für den Sommer 2019 ein dreimonatiges Sondernutzungsrecht für acht Straßen in der City. Obwohl aus der Idee eines autofreien Rathausquartiers nur eine Miniversion wird, sehen die Stadtplaner das Projekt "Fußgängerfreundliches Rathausquartier" als vollen Erfolg . Es ist ein Versuch, der die Stadt verändern könnte.

Auf der Grundlage der Beteiligungsplattform www.FahrRat-Wandsbek.de (2015) wurde eine Wandsbeker Radverkehrsstrategie entwickelt. Allerdings ist das Konzept gleich bei der ersten vorgeschlagenen Route von S-Friedrichsberg bis Farmsen/Berne wegen erheblicher Widerstände der betroffenen Geschäftsleute ins Stocken geraten- und nun? Im neuen Wandsbeker Koalitionsvertrag von SPD und Die Grüenen 2019 -2024 habe ich die mit großem Aufwand entwickelte Wandsbeker Radverkehrsstrategie nicht mehr gefunden.
Wir von der Initiative "Für ein lebenswertes Sasel" haben 2015  unter dem Titel "Radverkehrskonzept Wandsbek, Stadtteil Sasel. Eine Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschläge" unsere preiswerten und effizienten Vorschläge an die zuständigen Stellen geschickt. Große Konzepte sind öffentlichkeitswirksam, auch wenn die Realisierungen versanden. Pflege- und  Sanierungsvorschläge erregen kein Aufsehen und kaum Beachtung, auch wenn sie wirksam und preiswert sind.

Auch in Hamburg setzen sich vorrangig der adfc (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) u.a. mit der Aktion "MEHRPLATZFUERSRAD" und der vcd (Verkehrsclub Deutschland) für die Verbesserung der Radverkehrsstrukturen ein, auch als Lobbyisten.

Die Aktion "Radentscheid Hamburg" möchte den Senat verpflichten, mehr für den sicheren und komfortablen Radverkehr in Hamburg zu tun. Dafür startet im März 2019 die Unterschriftensammlung für die gleichnamige Volksinitiative, der 2020 ein entsprechenden Volksbegehren und 2021 ein Volksentscheid folgen sollen.

Doch trotz dieser Aktionen trifft die folgende Kritik von Morten Kabell leider immer noch besonders auch auf Hamburg zu: Ich hasse es, in deutschen Städten mit dem Rad zu fahren,weil man da auf einer Straße mit den Autos ist, aber ich hasse es auch, dort zu Fuß zu gehen, weil ich immer Angst habe, dass mir ein Radfahrer reinfährt. Eine klare Trennung von Fuß-, Rad- und Autoverkehr, wie sie viele Städte der Welt in Abschnitten umsetzen, wird in Hamburg auf stärkere Trennung zwischen Fuß- und Radverkehr reduziert. Ja, in den letzten vier Jahren hat es in Hamburg viele punktuelle Verbesserungen für Radfahrer gegeben, insgesamt ist das aber eher noch ein Flickenteppich. Viele Entscheidungen sind halbherzig.  Ein kraftvoller politischer Wille sieht anders aus. Die Autolobby ist nach wie vor stark und die Zugeständnisse der Politiker und Behörden sind groß.

Nehmen wir z.B. die Velorouten, mit denen sich Hamburg gern im Internet und in der Presse brüstet. Der Ausbau dieser 14 Velorouten mit ihren 280 km ist in den letzten 20 Jahren nur schleppend voran gekommen. Als Gudrun und ich 2013, nach unserer Radtour nach Marseille, die Beschreibung der Velorouten im Internet unter hamburg.de lasen, waren wir begeistert. Wir fuhren die Veloroute 5 ab und waren völlig enttäuscht: keine Ausschilderung, am Start gleich eine Führung über schmale Fußwege mit Absperrungen, eigentlich eine Katastrophe. Das hatte mit dem, was unter hamburg.de vermittelt wurde absolut nichts zu tun. Die Streckenführung wurde inzwischen geändert. Und seitdem wurden deutlich größere Anstrengungen unternommen, das Rad-Netz auszubauen. Dennoch wird das Ziel der Fertigstellung aller 14 Routen bis 2020 verpasst. Auch lässt die Qualität der Routen viele Wünsche offen, wie der jüngste Test des Hamburger Abendblattes in Kooperation mit dem adfc zeigte.

An den Kopenhagener Cykelsuperstiers, den Radautobahnen, können die Hamburger Velorouten nicht klingeln. Die Cykelsuperstiers sind breite Radwege, von den Fahrbahnen und den Fußwegen getrennt, mit eigenen Brücken und Ampelschaltungen. Da kommt man schnell und sicher voran. Gudrun und ich haben das im Herbst 2018 vier Tage lang getestet: super! Im Herbst 2019 testen 5 Hamburger GRÜNEN-Politiker das "Fahrradparadies" Im "Hamburger Abendblatt vom 04.11.2019 werden 5 Experten-Vorschläge genannt, die man auf Hamburg übertragen kann:
1. Ausgangspunkt muss die ständige Analyse der Wünsche der Menschen sein
2. Radwege sollten geschützt sein, z.B. "protected Bike-Lanes"
3. Rad- Fuß- und Autoverkehr sollten klar getrennt werden
4. Lösungen sollten getestet werden, bevor sie endgültig umgesetzt werden
5. Die Sicherheit für Radfahrer muss unbedingt erhöht werden

Wir lieben Hamburg, und wir radeln kreuz und quer durch Hamburg, aber ein Radlerparadies ist Hamburg nicht! Wir sind auf unseren Radtouren ja durch viele Länder und Städte geradelt. Aber ganz ehrlich, das Verkehrsklima im Hamburg ist eines der aggressivsten. Das ist beschämend. Das zeigt auch der Fahrrad-Klimatest des adfc 2018: Platz 25 von 39 Großstädten, immerhin eine Verbesserung um 6 Plätze gegenüber 2016. Aber die durchschnittliche Note (von 1 "sehr gut" bis 6 "ungenügend") hat sich von 4,19 auf 4,21 verschlechtert. Als ungenügend beurteilt werden die Breite und Reinigung der Radwege, die Konflikte mit Autos und die Ampelschaltungen. Das Fazit des adfc-Hamburg lautet: Wenn die Stadt will. dass mehr Menschen auf´s Rad steigen, dann muss mehr investiert und mehr Platz für den Fuß-, Nah- und Radverkehr geschaffen werden. Ich finde, es gibt einen eklatanten Widerspruch zwischen den politischen Willensbekundungen und Erfolgsmeldungen und dem unbequemen Radeln im bedrohlichen Hamburger Alltagsverkehr.

       Ist Hamburg eine Fahrradstadt?           Nein, noch (lange) nicht!   
       Ist Hamburg fahrradfreundlich?            Na, ja, es wird langsam besser!

       Hamburg ist auf einem halbherzigen Weg zur Fahrradstadt, 

       und das Ziel ist noch weit.